Buchempfehlung von Karin Fröhlich


Kaum ist der Schnee geschmolzen, beginne ich zu träumen vom Sommer, vom Reisen und von Italien. So ist mir dieses Buch in die Hände gefallen, das von Malern und Malerinnen erzählt, die in diesem schönen Land eine Bleibe gefunden haben. Mit Blick auf Capri und den Torre, den Ginsterberg, haben sie Bilder gemalt von der Landschaft, den kleinen Häusern, die sich an die Berghänge schmiegen, Portraits von den Menschen, den Fischern, den Mulatierri und immer wieder das Meer.
Das Buch zeigt Bilder von Werner Gilles, Zeichnungen von Ernst Bursche, Aquarelle von Gertrude Helmholz und vielen anderen mehr.
Es erzählt von den Begegnungen mit diesen Künstlern und Künstlerinnen, der Suche nach ihren Bildern und den Menschen, die dort leben. Es verführt zum Träumen und zum Reisepläneschmieden und dazu, die Farben, die Stifte und das Papier mit ins Gepäck zu nehmen.

Vor langer Zeit habe ich, wenn meine Kinder längst geschlafen haben, Geschichten, die mein Freund Hans Dieter Eheim auf Band gesprochen hat, abgehört und getippt. Nun halte ich sie als Buch in den Händen und bin verzaubert wie in jenen längst vergangenen Tagen.

Im Abendlicht – Begegnungen auf Ischia
Hans Dieter Eheim
ISBN 978-37504-9552-4 PB, 264 Seiten

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder dieses Buch aufgeschlagen. Viele Geschichten habe ich mehrmals gelesen und es doch erst nach einer Weile bemerkt. Denn jedesmal hat mich etwas anderes fortgetragen. Manchmal waren es die Pflanzen, der Duft von Jasmin und Akazien, das Rauschen der Blätter im Wind, manchmal das Licht, die Farben, das Meer, oft die Menschen und ihr Leben.
So viele verschiedene Fenster öffnen sich in diesem Buch. Ein Erzähler, der mit Worten Farben sichtbar und Musik hörbar macht, hat hier geschrieben, beschrieben, aufgezählt und erzählt.
Eingebettet in die literarische Welt sind die anderen Künste. Welche Vielfalt von bildnerischen Möglichkeiten ist zwischen den Seiten geborgen, Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder. Immer wieder nimmt mich eines mit mit auf den Torre, zum Hafen, lässt mich durch die Straßen des arabischen Viertels spazieren und in der Ferne sehe ich die Maultiertreiber, die mulattieri hinaufsteigen und zugleich gehe ich hinunter und sehe hinaus auf’s Meer, weit draußen die Boote der Fischer. Ich erlebe den Hafen von Porto, eingetaucht in rötliches Abendlicht und den Torre im tosenden, aufgebrachten Meer, zwischen Wellen, die sich an den schroffen Felsen brechen.
In Gedanken sitze ich neben dem Autor an einer Häuserecke und lausche der Musik in den Geschichten, dem Kontrabass, Neapolitanischen Liedern, Opernarien und Klaviertönen. Ich bin verzaubert und beginne zu träumen. Ich treffe die Maler und Malerinnen, die Musiker, die Menschen, die dort leben und lebten in dieser wärmenden Sonne und dem wunderbaren Licht, das die Farben zum Leuchten und klingen bringt. Worte werden wie Blumenblätter um mich verstreut. Danke für diese Kostbarkeit, diese einfühlsamen Erzählungen über Agnesina, Ciruzze, die Fischer und viele andere. Geschichten, Gedanken, Gespräche, die unmerklich anstiften zum Denken und mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Lebensgeschichten, die berühren und nachdenklich machen. Ich wünsche mir, dass zum ersten Buch „Der Ginsterberg“ und diesem reichen Buch „Im Abendlicht“ noch ein drittes und zukünftiges sich hinzugesellt, das zeigt, dass auch in dieser Welt noch Platz für Zeit und Liebe, für die Welt der Künste, die Malerei, die Literatur, die Musik und für die Aufmerksamkeit, das Zuhören und Mitfühlen ist.
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass das Buch hilft, den Torre, den „Ginsterberg“, zu bewahren, damit er noch viele Künstler und Künstlerinnen inspiriert und Menschen Halt gibt mit seiner Schönheit und Kraft.
Danke an einen Autor und wunderbaren Chronisten, der uns mit diesen Erzählungen, einfühlsamen Gesprächen und Geschichten 30 Jahre seiner erfolgreichen Suche schenkt.

München, den 25. März 2021